Progamm - retrospektiv

08.09.02

Der Kandidat
D 1980 (16mm, 129min)
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IMDb :
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R: Stefan Aust, Alexander Kluge
B: Stefan Aust, Alexander Kluge
D: Marianne Strauß, Franz Josef Strauß

Franz Josef Strauß hieß der Kandidat für das Kanzleramt, mit dem die CDU/CSU in die Bundestagswahlen 1980 ging. Der damalige CSU-Vorsitzende pflegte nicht nur gute Kontakte zu Chiles Diktator Pinochet und führenden spanischen Franco-Anhängern, sondern hatte selbst eine bemerkenswerte faschistische Vergangenheit zu bieten. So war er als weltanschaulicher Referent des NSKK (die Motorrad-SS) vor allem vertraut mit der einschlägigen Nazi-Literatur in Sachen Antikommunismus und Antisemitismus. Entsprechend qualifiziert trat er an mit dem Wahlspruch "Freiheit statt Sozialismus" (wobei mit letzterem damals wie heute schon ein ernstzunehmender Sozialstaat und freche Gewerkschaften gemeint waren), um die damalige sozial-liberale Regierung aus SPD und FDP abzulösen. Auch Strauß setzte auf die Enttäuschung der Wähler, nachdem die Regierung Schmidt/Genscher sich von der kurzen Brandtschen sozialen Reformpolitik und Entspannungspolitik verabschiedet hatte und unter anderem mit Entdemokratisierung durch "Anti-Terror-Gesetze", dem Stopp weiterer sozialer Leistungen, dem Ausbau der Atomkraft und verstärkter Aufrüstung im Rahmen des NATO-Doppelbeschluss aufwartete. Dabei hatte er nicht nur zu verschleiern, dass er für die Zuspitzung eben von Entdemokratisierung, sozialer Ungleichheit und Militarisierung antrat, sondern musste auch auf die Vergesslichkeit der WählerInnen setzen. So war Franz Josef Strauß Verteidigungsminister und damit Verantwortlicher für die Remilitarisierung der Bundesrepublik unter Adenauer Ende der fünfziger und Anfang der sechziger Jahre. Als solcher hatte er diverse Affären um Vetternwirtschaft und Korruption bei milliardenschweren Rüstungsaufträgen zu verantworten und musste schließlich aufgrund der Spiegel-Affäre (Racheaktion wegen Aufdeckung von Ungereimtheiten bei Rüstungsgeschäften) zurücktreten - zumindest als Minister, nicht jedoch als CSU-Chef.

Um den erzkonservativen Strauß als Kanzler zu verhindern, stellten damals vier deutsche Regisseure (Volker Schlöndorff, Stefan Aust, Alexander Kluge und Alexander von Eschwege) den Dokumentarfilm "Der Kandidat" zusammen, in dem überaus anschaulich dessen Werdegang eben zum Spitzenkandidaten der CDU/CSU verfolgt wird.

Der Film ist heute aber nicht nur deshalb interessant weil er klar macht, warum ein bayrischer Reaktionär nicht Kanzler der Bundesrepublik werden darf, sondern auch weil er daran erinnert, dass der CSU-Generalsekretär und Wahlkampfmanager 1980 Edmund Stoiber hieß. Als solcher bezeichnete er die FDP/SPD-Koalition als "liberalistisch-sozialistische" Regierung mit "ihren kommunistischen Hilfstruppen" und linke oppositionelle Autoren und Journalisten als "Ratten und Schmeißfliegen" (übrigens ein Zitat aus einem antisemitischen Nazi-Propaganda-Film). So zeigte Stoiber schon vor seiner berüchtigten Äußerung über die drohende "durchmischte und durchrasste deutsche Gesellschaft", welch braver und strebsamer Schüler seines Ziehvaters Strauß er ist - allerlei aktueller Kreidekost und manchem Zahmheitsgestotter zum Trotz. Der Film soll Anlass zur Diskussion sein, wie ein Kanzler Stoiber zu verhindern, aber auch einer rot-grünen Regierung für soziale Reformen, mehr kritische Kultur und Bildung, Demokratisierung und Abrüstung Beine zu machen ist. (aus LINKS, Sose02)